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Journal Stories

Oligarch für einen Tag

Hin und wieder sollte man einen Prestigechampagner einfach köpfen.

Von Stephan Burianek.

Zar Alexander II. war nicht zu beneiden. Radikale Demokraten trachteten ihm nach dem Leben und sogar sein geliebter Champagner wurde ihm zur Gefahr. Damals wie heute waren die Flaschen der berühmten Schaumweinregion nämlich dunkel und hatten eine Einkerbung am Boden, was die Vergiftungs- und Bombengefahr durch womöglich manipulierte Gefäße erhöhte. Also gab der Zar dem Champagnerproduzenten Louis Roederer die Anweisung, ihm den Champagner künftig in durchsichtigen Bleikristall Flaschen mit flachen Böden zu liefern. Freilich war nicht nur die gläserne Hülle eine Sonderanfertigung, sondern auch deren Inhalt: Alljährlich reiste der zaristische Kellermeister in die französische Krönungsstadt Reims, um bei Roederer die Grundweine für die Spezialabfüllung freizugeben. So erzählt man sich heute in der Champagne die Entstehung des Roederer Cristal und damit der ersten Prestigecuvée im Jahr 1876. Dem Zaren half diese frühe Anti-Terror-Maßnahme übrigens nur wenig, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen.

Zaren gibt es in Russland längst nicht mehr, der Roederer Cristal ist der Menschheit aber geblieben. Nach wie vor fließt ausschließlich der beste Rebensaft aus den hauseigenen Weinbergen in die unkonventionellen Flaschen. Bei Roederer kommt er vorrangig von Weinstöcken, die zwischen 25 und 60 Jahre alt sind und wenig Ertrag bringen, dafür aber einen besonders komplexen Geschmack aufweisen. Der Roederer Cristal ist zugleich ein Jahrgangschampagner, der Grundwein wird also nicht mit anderen Jahrgängen verschnitten (was in der Champagne ansonsten eine gängige Praxis ist). Erst sieben Jahre nach der Ernte gelangt dieser Edelchampagner in den Verkauf. In weniger guten Jahren wird auf seine Produktion verzichtet.

 

 
Krug Grande Cuvée

Krug Grande Cuvée

Krug, 5 rue de coquebert, 51100 Reims, Frankreich, 0,75 l
brut

Frankreich, Champagne
Best.Nr. 5510405
EUR 169,90
 
 
Piper Heidsieck Cuvée Rare

Piper Heidsieck Cuvée Rare

Piper-Heidsieck, Reims, Frankreich, 2002, 0,75 l
brut

Frankreich, Champagne
Best.Nr. 8123879
Noch 2 Stück verfügbar!
EUR 179,90
 
 

Hauptsache komplex

Ein Prestigechampagner folgt keinen klar definierten Regeln. Seine Trauben können auf einer bestimmten Lage gewachsen sein oder aus unterschiedlichen Weinhängen stammen. Es kann sich um einen bestimmten Jahrgang handeln, oder auch nicht. Wichtig aber ist seine qualitative Sonderstellung innerhalb des Sortiments eines Produzenten. In möglichst komplexer Form sollen sich in ihm der grundsätzliche Stil und die Philosophie des Hauses wiederspiegeln. Die Spielarten sind vielfältig. Ob breit oder säurebetont, mit dominierende Hefenoten oder eher blumig, stark dosiert oder nicht – im Prinzip gilt: Kein Prestige ohne sensationellem Champagner. Heute ist Russland übrigens wieder einer der wichtigsten Märkte für Prestigechampagner, die auch als Prestigecuvées bezeichnet werden (in der Schaumweinproduktion wird der Grundwein stets als „Cuvée“ bezeichnet, selbst wenn es sich um einen Lagenwein aus einer einzigen Rebsorte handeln sollte).

 Der berühmteste Edelchampagner heißt zweifellos Dom Pérignon. Die Marke ist eine Kreation aus dem Hause Moët & Chando und setzt dem Benediktinermönch Pierre Pérignon seit dem Jahr 1936 ein Denkmal. Der berühmte Klosterkellermeister soll die Flaschengärung erfunden haben, was aber wohl nicht mehr als ein Mythos ist.


In der Champagne gilt er – und das ist durchaus wahrscheinlich – als Erfinder der Assemblage, also der Vermischung von mehreren Grundweinen aus unterschiedlichen Rebsorten zu einer komplexen Cuvée. Von seiner Wirkungsstätte, der einstigen Abtei von Hautvillers nahe dem Ort Epernay, ist immerhin die Kirche erhalten geblieben. Vor den Stufen zum Altar finden Besucher seinen Grabstein. In den Nebengebäuden wird – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – an der Vermarktung der exklusiven Marke gearbeitet. Der Edelschaumwein reift indes in den riesigen Kellern von Moet & Chandon. In Ermangelung offizieller Zahlen gibt Gerhard Eichelmann in seinem „Champagne“-Führer (siehe Heft Nr. 53) eine Produktionsschätzung von vier bis sieben Millionen Flaschen pro Ernte an. Diese große Menge gilt in Anbetracht der nahezu konkurrenzlosen Qualität selbst unter Insidern als Wunder. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht verständlich, dass Moët & Chandon den Dom Pérignon nicht als Prestigechampagner seines Hauses verstanden wissen möchte, sondern rein als eigenständige Marke.

Ein Dom Pérignon besteht immer aus Chardonnay und Pinot Noir, und ebenso wie ein Roederer Cristal ist er stets ein Jahrgangschampagner. Das erklärte Ziel von Kellermeister Richard Geoffroy ist ein Gleichgewicht aus Jugendlichkeit und Reife. Ein Spagat, der sich neben seiner fülligen Komplexität und dem nachhaltigen Abgang ebenso in blumigen wie in salzig-erdigen Röstaromen manifestiert. Er ist auch in einer Rosé-Variante erhältlich.
 

 
Armand de Brignac Brut Gold in Holzkiste

Armand de Brignac Brut Gold in Holzkiste

Armand de Brignac Holdings LLC, 12 rue de la Belle Image, 51500 Chigny les Roses, FRANCE, 0,75 l
brut

Frankreich, Champagne
Best.Nr. 1835397
 
EUR 279,90
 
 
Dom Pérignon Rosé 2003 im Etui

Dom Pérignon Rosé 2003 im Etui

Dom Pérignon, 20 avenue de Champagne, 51200 Epernay, Frankreich, 2003, 0,75 l
brut

Frankreich, Champagne
Best.Nr. 7055201
EUR 299,90
 
 
Dom Pérignon Vintage 2006

Dom Pérignon Vintage 2006

Dom Pérignon, 20 avenue de Champagne, 51200 Epernay, Frankreich, 2006, 0,75 l
brut

Frankreich, Champagne
Best.Nr. 3735602
EUR 159,90
 
 

Erstklassige Inspirationsquelle

Es gibt aber auch Champagnerhäuser, die jedes ihrer Produkte als Prestigecuvée betrachten. Das bekannteste Beispiel dafür ist Krug, wo der wahrscheinlich feinste Non-Vintage-Champagner produziert wird. In den Grande Cuvée Brut fließen 20 bis 25 einzeln in gebrauchten Barrique-Fässern vergorene Lagenweine und bis zu zehn unterschiedliche Jahrgänge ein. Man trinkt damit also praktisch einen repräsentativen Champagne-Querschnitt aus einem ganzen Jahrzehnt. Diese Methode sichert nicht nur eine beständige Kontinuität, sondern bringt in diesem Fall außerdem alle Eigenschaften mit, die man sich von einem erstklassigen Champagner wünschen kann: Fülle, Konzentration, Komplexität und Nachhaltigkeit im Abgang. Übrigens: Der hohe Anteil an Reserveweinen bei Krug diente seinerzeit dem Langenloiser Winzer Karl Steininger als Inspiration für seine querdenkende Sektphilosophie, wie er uns einst zwischen den Zeilen in einem Gespräch über österreichische Lagensekte verraten hat (siehe Heft Nr. 55).

Die oben genannten Produkte bilden freilich nur einen überblicksartigen Einstieg in die faszinierende und für viele unbekannte Welt der Spitzenchampagner. Klar: Mit dem Kauf dieser Flaschen bezahlt man das „Prestige“ gleich mit. Es soll aber Connaisseurs geben, die lieber einen Urlaub stornieren würden als auf ihre Lieblingscuvée zu verzichten. Als Einstieg könnten im Übrigen etwas günstigere Lagencuvées dienen, wie ein Taittinger Comtes de Champagne oder der Bollinger la Grande Année. Außerdem kommt jetzt wieder die Zeit, in der man sich beschenken lassen kann. Und wer im kommenden Fasching für einen Auftritt als „Oligarch“ entscheidet, der sollte spätestens dann eine Prestigecuvée springen lassen. Vorzugsweise in einer Magnum, denn in diesen Kreisen gilt: Je größer desto besser.