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Kathedralen für edlen Wein
Neue Weine brauchen neue Keller. Statt gesichtsloser Zweckbauten werden heute immer mehr fantasievolle, symbolträchtige Keller gebaut, die mehr bieten als nur ein Dach für den Wein. Jens Priewe* stellt einige der kühnsten Projekte vor.
Nicholás Catena, Wirtschaftsprofessor aus Buenos Aires und Besitzer des Weinguts Catena Zapata bei Mendoza, hatte Zeit seines Lebens einen Traum: einen Wein zu erzeugen, der neben einem großen Lafite oder einem Vega Sicilia bestehen kann und doch unverkennbar ein argentinisches Gewächs ist. Irgendwann war es so weit, und aus Stolz über das Erreichte baute er einen Keller, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte: in Gestalt einer Stufenpyramide der Maya. Die Idee dazu war ihm auf einer Reise nach Guatemala in die alte Maya-Stadt Tikal gekommen. "Ich wollte ein Zeichen setzen", erklärt Catena. "Ein Zeichen des Respekts für dieses alte Volk, das als erstes den Wert unserer Böden erkannt hat." Seit der Keller 1997 eröffnet wurde, ist er ein Symbol für die neue argentinische Weinkultur. Hunderte von Besuchern pilgern monatlich dorthin, um den Wein kennenzulernen und das spektakuläre Bauwerk zu bestaunen.
Das Beispiel Mazzei
Nüchtern betrachtet, braucht Wein keine Tempel. Er lässt sich auch in einer leer stehenden Fabrikhalle oder in einem rostigen Wellblechschuppen produzieren. "Doch wie deprimierend, wenn ein großartiger Wein aus einem elenden Ambiente kommt", findet Filippo Mazzei vom Castello di Fonterutoli in der Toskana. Bis 2007 waren die Fässer, in denen sein Chianti classico reifte, auf acht verschiedene Häuser verteilt, darunter mehrere Ställe. Ein paar Edelstahltanks standen sogar unter freiem Himmel, weil es in dem mittelalterlichen Dörfchen einfach an Platz fehlte. Fonterutoli steht unter strengem Ensembleschutz. Nach zehnjährigem Kampf mit den Behörden war der neue Keller fertig, und obwohl er flächenmäßig fast größer ist als das ganze Dorf, ist wenig von ihm zu sehen. Er liegt unter der Erde. Über der Erde sind nur die Büros und die im Halbkreis angeordneten Verkostungsräume mit einer Piazza in der Mitte. Sie ist der berühmten neunteiligen Piazza del Campo in Siena nachempfunden. In technischer Hinsicht hat der Keller alles, was heute Standard ist: Naturkühle, Feuchtigkeitskontrolle, Konstruktion nach dem Schwerkraftprinzip, um Pumpvorgänge beim jungen, noch instabilen Wein zu vermeiden. "Aber das reichte uns nicht", erklärt Mazzeis Cousine Agnese, die Architektin des Kellers. "Wir leben hier in einer historischen Landschaft. Unser Bezug zur Tradition muss sichtbar zum Ausdruck kommen, ohne die Landschaft optisch zu verunstalten."
Die Weinstadt der Bodega Marqués de Riscal
Die "Weinstadt" von Marqués de Riscal
Das Knäuel aus Stahl und Titan, wie es der kanadische Architekt Frank O. Gehry entworfen und im Herzen der Rioja aufgestellt hat, wäre in der Toskana sicher nicht genehmigt worden. Es stellt die Dachkonstruktion für eine kleine "Weinstadt" dar, die die renommierte Bodega Marqués de Riscal über ihrem historischen Keller im Städtchen El Ciego errichtet hat. Die "Weinstadt" besteht aus einem Luxushotel, zwei Gourmet-Restaurants, einem Spa mit Vino-Therapie und einem Weinmuseum. Das merkwürdige Knäuel ist zugleich eine Skulptur. Die verschlungenen Metallbahnen symbolisieren das Geäst der Weinrebe. Mit der goldenen, silbernen und kupferroten Tongebung wollte der Architekt die Farben des Herbstes im Weinberg wiedergeben. So ist die vielleicht kühnste Weinarchitektur Europas entstanden. Dabei war Gehry, der auch das berühmte Guggenheim Museum in Bilbao entworfen hat, kein ausgesprochener Weinliebhaber. Er hatte sich auch nie um den Auftrag beworben. Erst eine Flasche Reserva seines Geburtsjahrgangs 1929, die ihm das Weingut mit der Bitte schickte, das Projekt zu übernehmen, bewirkte seine Wandlung.
Architektur schafft Weinerlebnisse
Andere Baumeister müssen nicht so aufwändig umworben werden. Denn die Architektur sucht schon lange den Wein, ebenso wie der Wein die Architektur sucht, um den Status und die Wertigkeit des Naturprodukts sichtbar zum Ausdruck zu bringen. Besonders in Nordspanien sind in den letzten Jahren viele neue, futuristisch gestaltete Kellereien entstanden, etwa die Bodegas Ysios in der Sierra Cantabria oder die Bodega Señorío de Arínzano in Navarra. Auch in der Neuen Welt ruht der Wein nicht einfach nur in schmucklosen Lagerhallen. Weingüter mit anspruchsvoller Produktion legen zunehmend Wert auf das äußere Erscheinungsbild. Ein kühner Entwurf zieht Besucher an, vermittelt den Eindruck von Modernität und Exklusivität, schafft Weinerlebnisse, die muffige, dunkle Arbeitskellereien nicht bieten können. Dank ihrer ausgefallenen Architektur verdienen manche Erlebniskellereien genauso viel Geld mit Merchandising, Gastronomie und angeschlossener Hotellerie wie mit dem Wein selbst.
Bodega Ysios von Star-Architekt Calavatra
Postmoderne Weinarchitektur – ein Trend
Überhaupt ist die Neue Welt in Sachen Weinarchitektur Vorreiter gewesen. Den Anfang hatte 1966 Robert Mondavi gemacht. Sein im Stil einer spanischen Missionsstation erbautes Weingut verkörpert die mexikanischen Wurzeln des heutigen Kaliforniens. Auch der Keller von Opus One, der einem Raumschiff gleich mitten im Rebenmeer des Napa Valley thront, hat Architekturgeschichte geschrieben. Später zogen Dominus und Byron mit ebenfalls bahnbrechenden Entwürfen nach. Australien hat mit Miranda und Innocent Bystander mittlerweile auch zwei architektonische Schmuckstücke. Südafrika kann gleich auf mehrere Weinfarmen stolz sein, die durch atemberaubend schöne Entwürfe auffallen: Vergelegen, Dornier, Mont Destin und Hidden Valley zum Beispiel. Das Maß aller Dinge aber ist im Augenblick Argentinien. Der Besuch postmoderner Bodegas wie O Fournier, Salentine und Catena Zapata gehört zum Pflichtprogramm von Architektureleven aus aller Welt.
Chile und Almaviva
Chile, der Nachbar, hat dagegen kaum mehr zu bieten als industrielle Zweckbauten oder biedere Folklore. Zu den wenigen architektonischen Highlights zählt das Weingut Almaviva, ein Joint Venture von Concha y Toro und Mouton-Rothschild, das am südlichen Stadtrand der Hauptstadt Santiago liegt und einen der wenigen Super-Premium-Weine des Landes hervorbringt. Der langgestreckte Flachbau mit sanft gewelltem Dach, das an die Hügellinie der Kordilleren erinnert, passt sich perfekt in die Landschaft ein. Martin Hurtado Covarrubias, der Architekt, hat nur einheimische Hölzer verbaut. Auch die anderen Baumaterialien kommen ausschließlich aus dem eigenen Land. "Französisches Know-how, chilenische Erde" – so möchte Philippine Rothschild auch den Wein verstanden wissen. Als Hommage an die Mapuche-Indianer, die als erste lernten, den Boden zu bearbeiteten, ziert ein Symbol aus ihrer Mythenwelt das Etikett der Flaschen.
Italien und Antinori
Langsam erkennen auch die Weinnationen im alten Europa, dass die Zukunft ihrer Kellereien nicht aus Ziegelstein und Fachwerk besteht. In Deutschland und Frankreich rührt sich zwar noch wenig. In Österreich und Italien ist das Bestreben stärker, dem edlen Wein ein passendes Haus zu bauen. Francesco Bollas etruskischer Höhlenkeller in der Maremma, Gajas ästhetizistische Ca’Marcanda in Bolgheri und Ca’del Boscos mondäner Schaumweindom in der Franciacorta – sie alle sind Musterbeispiele für den kultischen Status, den Wein in unserer Gesellschaft inzwischen gewonnen hat. Italiens berühmteste Weinfamilie, die Antinori, haben in Süditalien gerade einen megalomanen Keller in Betrieb genommen, dessen lange, angeschrägte Glasfassade mehr als Fortsetzung des Himmels denn als Ende eines Gebäudes wahrgenommen wird: Masseria Maime bei Lecce. Übertroffen werden wird diese Konstruktion nur noch vom geplanten Neubau der Antinorischen Zentralkellerei bei Bargino südlich von Florenz. "Ein bisschen Kirche, ein bisschen Kultstätte, ein bisschen Fabrik und viel Landschaft", so hat der Architekt Marco Casamonti das Projekt beschrieben und als "Wiedergeburt der Renaissance ohne Säulen und Portici" bezeichnet. Wie wahr: Man könnte zu der neuen Cantina auch Fuchsbau sagen. Denn alles wird unterirdisch sein: Gärkeller, Fasslager, Parkplätze, Ladezone, Zufahrtswege sowie die spiralförmigen Auf- und Abfahrten zwischen den drei Arbeitsebenen. Eine Fassade gibt es nicht. Von der Existenz des Bauwerks werden später nur zwei schmale Schlitze zeugen, die wie ein Ausguck auf die liebliche Hügellandschaft wirken. 2010 soll der Bau fertig sein.
*Dr. Jens Priewe ist einer der profiliertesten Wirtschafts- und Weinjournalisten im deutschsprachigen Raum.











