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Weingenuss aus Südamerika
Eigentlich gibt es genug guten Wein in Österreich, in Frankreich und Italien. Braucht
ein österreichischer Weintrinker zu seinem Glück unbedingt Weine aus Argentinien oder Chile? Meine persönliche Meinung: Ja – vor allem bei den Roten sind Weine aus Südamerika eine echte Bereicherung.
Von Jens Priewe
Weine aus Argentinien und Chile besitzen Qualitäten, die europäische Weine nicht aufweisen. Selbst die einfachen Weine sind kräftig und körperreich. Sie locken mit einer attraktiven, durch die hohe Reife der Trauben hervorgerufenen Süße. Und sie besitzen eine überaus pure, knackige Frucht. Kurz: Sie bieten dem Genießer völlig neue Geschmacksnuancen – und das zu einem meist günstigen Preis.
Boomland Chile
Chile ist das Weinwunderland der Neuen Welt. Keine andere Nation hat einen derart spektakulären Aufstieg hinter sich wie dieser Andenstaat. Dabei war Chile vor 30 Jahren noch völlig heruntergewirtschaftet. Im kalten Winter 1980 sägte die verarmte Landbevölkerung einen großen Teil der Rebstöcke ab, weil sie Holz zum Heizen brauchte. Heute floriert die Wirtschaft, und die Rebflächen sind in den letzten zehn Jahren auf stolze 175.000 Hektar angewachsen – mehr als dreimal so viel wie die Österreichs. Der größte Teil der Reben wächst südlich der Hauptstadt Santiago auf trockenen Böden aus mineralischem Andenschutt. Das Klima dieser Region ist warm, stellenweise heiß, und wenn nicht immer wieder kühle Luftströmungen vom Pazifik her ins Landesinnere strömten und die Luft abkühlten, käme aus Chile bestenfalls Trinkmarmelade, aber kein Wein.
Weingüter von Weltrang
Chile besitzt mittlerweile Weingüter von absolutem Weltrang. Ich liebe beispielsweise die Weine von Errazuriz, die eine chilenische Seele haben, aber so fein sind wie die besten Rotweine Europas. Errazuriz gehört zu den wenigen Gütern, die nördlich der Hauptstadt im fruchtbaren Aconcagua-Tal liegen. Eukalyptus- und Pfefferbäume, Kakteen und seltene Palmen säumen dort die Weinberge. Tagsüber ist es heiß, morgens und abends dagegen kühl. Das letzte Mal saßen wir auf der schattigen, von Hibiskussträuchern eingefassten Veranda und nahmen morgens um acht das zweite Frühstück ein. Eduardo Chadwick, der Besitzer, ließ frische Avocados mit Shrimps servieren, Corvo-Fisch und Teigtaschen, gefüllt mit faschiertem Rind, Mandeln und Koriander. Dazu tranken wir Max Reserva, den besten Cabernet Sauvignon von Errazuriz. Danach schlummerten wir sanft in unseren Korbsesseln ein.
Das Phänomen Carmenere
Cabernet Sauvignon ist Chiles wichtigste, aber nicht die einzige rote Sorte, die dort wächst. Merlot und Syrah werden ebenfalls angebaut. Und Carmenère. Diese Traube, die im kühlen Bordeaux schon vor hundert Jahren wegen ihres allzu kräftigen Aromas in Ungnade gefallen war, reift im warmen Chile wunderbar aus. Chadwick benutzt sie als Cuvée-Sorte. Auch im Seña, seinem Super-Premium-Wein, ist sie enthalten. Rund 60 Euro kostet dieser Wein – Preisrekord für Chile. Doch eigentlich nicht teuer. Bei der legendären Blindverkostung vor vier Jahren im Berliner Ritz-Hotel landete der 2000er-Jahrgang dieses Weins noch vor den fünfmal so teuren Weinen der Chateaux Lafite, Latour und Margaux aus demselben Jahrgang!
Ein anderer legendärer Weinmacher Chiles ist Aurelio Montes. Seine Discover-Kellerei befindet sich im warmen Colchagua Valley etwa zwei Autostunden südlich von Santiago. Vor dem Keller steht eine schnaufende Dampflok, drinnen schwebt über den Fässern ein hölzerner Engel. Beide Objekte symbolisieren Montes: Hüter des Weines und Lokomotive zugleich. Schon sein einfachster Cabernet Sauvignon lässt die sichere Hand des erfahrenen Önologen erkennen: Cassis pur mit einem Hauch von Pfeffer und Minze und weichem, reifen Tannin. Die höherwertigen Weine der Serie Montes Alpha besitzen eine unglaubliche Aromentiefe und bersten schier vor Fülle. In ihnen ist übrigens kein Tropfen Carmenère enthalten. Montes zieht es vor, Cabernet Sauvignon und Carmenère nicht zu vermischen.
Mag. Florian Sperl, Wein- und Champagnerexperte
Viña Errazuriz Don Maximiano Founder’s Reserve 2002
Die Viña Errazuriz, eines der renommiertesten Weingüter Chiles, liegt nördlich von Santiago im idyllischen Aconcagua Valley. "Vom besten Boden den besten Wein!" – das war der Leitspruch von Gründer Don Maximiano Errazuriz. Der Don Maximiano Founder’s Reserve ist eines der Flaggschiffe. Im 2002er-Jahrgang, der auf das Konto von Winemaker Francisco Baettig geht, vereinen sich 91 Prozent Cabernet Sauvignon und 9 Prozent Shiraz. Vergoren wurde der Tropfen im Stahltank, bevor er 19 Monate lang in französischer Eiche reifte. In der Nase finden sich Aromen nach Brombeeren und Kirsche, die mit feiner Würze und Minz-Noten gepaart sind. Die sehr gut integrierte Vanillenote, etwas Schokolade und die feine Röstaromatik sind dem Ausbau im Barrique zu verdanken. Die reifen, kräftigen Tannine und ein langer, seidiger Abgang machen diesen Wein zum echten Trinkerlebnis. Er ist schon jetzt trinkreif, wird aber in den nächsten fünf Jahren an Komplexität gewinnen.
Tipp: Dekantieren Sie den Wein vor dem Genuss.
Neue Joint Ventures
Am südlichen Stadtrand Santiagos befindet sich das Hauptquartier von Concha y Toro, der größten Kellerei Chiles. Sie ist sogar an der Wall Street notiert und ein Symbol für den Aufstieg Chiles als Weinnation: prächtige Kolonialarchitektur, in einem riesigen Park mit uralten Bäumen und Seen gelegen, durch die elegante Flamingos stelzen. Concha y Toro verarbeitet die Trauben von vielen Tausend Hektar Weinbergen. Vom einfachen Zechwein bis zum Hochgewächs hat die Kellerei für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas im Sortiment – immer in seriöser, teils auch in bestechender Qualität. 1997 ist Concha y Toro ein Joint Venture mit der Philippe-de-Rothschild-Gruppe eingegangen, um einen gemeinsamen Wein zu kreieren. Er heißt Almaviva und wird aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und gut 25 Prozent Carmenère erzeugt – einer der ganz großen Rotweine Chiles und wesentlich erschwinglicher als ein Mouton-Rothschild.
Apropos Reben: Chile ist das einzige Land der Welt, das nie von der Reblaus heimgesucht wurde. Ein großer Teil der Rebstöcke ist daher noch heute unveredelt.
Argentinien im Aufschwung
Anders als in Argentinien. Das wichtigste Weinanbaugebiet liegt zwar nur 170 Kilometer von der chilenischen Hauptstadt entfernt auf der östlichen Seite der Anden: Mendoza. Und mit 144.000 Hektar ist es fast so groß wie die gesamte Rebfläche Chiles. Aber in Mendoza hat die Reblaus gewütet. Ansonsten ähneln sich jedoch die Verhältnisse. Das Klima ist warm, der Boden trocken, und ohne künstliche Bewässerung wäre auch hier kein Weinbau möglich. Qualitativ stehen die Weine Mendozas denen des Nachbarn in Nichts nach. Es sind dunkelrote, konzentrierte Tropfen mit reichem Beeren-, Eukalyptus-, Schokolade- und Tabakaroma, milder Säure und weichem Tannin. Auch die Rebsorten sind die gleichen wie in Chile – mit einer Ausnahme: Malbec.
In Frankreich, wo diese Rebsorte herkommt, wird sie im großen Stil nur noch in Cahors angebaut. In Argentinien ist Malbec mittlerweile die häufigste Rebsorte. Einige keltern sie reinsortig – wie zum Beispiel die Bodegas Esmeralda – und erhalten einen Wein von subtilem Geschmack, aber unbändiger Kraft: gerade das Richtige für ein saftiges Steak mit Chilisauce. Andere bauen sie lieber in Cuvées ein.
Im Clos de la Siete, dem Wein des französischen Meisterönologen Michel Rolland, der von den Anbaubedingungen in Mendoza so begeistert ist, dass er ein 350 Hektar großes Weingut gründete, macht sie ebenso die Hälfte aus wie im Cheval des Andes, einer Luxus-Cuvée, die von den Önologen von Chateau Cheval Blanc aus St. Emilion und Terrazas de los Andes komponiert wird, dem argentinischen Ableger des Champagnerhauses Moët & Chandon. Freilich lassen sich in Mendoza auch ohne Malbec große Weine erzeugen. Der Cabernet Sauvignon von Catena-Zapata gehört nach dem Urteil des berühmten amerikanischen Weinkritikers Robert Parker zu den hundert besten Rotweinen der Welt – auch ohne Malbec.
Mendoza – vibrierende Weinmetropole
Mendoza ist übrigens eine faszinierende Stadt. Das schachbrettförmig angelegte Zentrum verschwindet unter dem grünen Dach von 50.000 Platanen. So ist das Leben trotz der Hitze erträglich. Abends, wenn die Temperaturen sinken, erblüht die Stadt. Bis weit nach Mitternacht schieben sich Menschen über die Bürgersteige, zieht der Duft von gegrillten Steaks durch die Straßen, mischt sich der Klang indianischer Straßenmusik mit dem Gläsergeklirr, das aus den zahlreichen Weinbars dringt. "Argentinien ist nicht nur das Land der Gauchos und des Tangos, sondern auch des Weins", belehrte mich Nicolas Catena bei meinem letzten Besuch in Mendoza.
Meine Empfehlung: Bei INTERSPAR und unter www.weinwelt.at finden Sie eine erlesene Auswahl an Südamerikas Weinen.











