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Südarfika und Burgenland: zwei Weinwelten

Südafrika und Burgenland: Zwei Weinwelten Südafrika und Burgenland – zwei Welten, eine Leidenschaft! In unseren Breitengraden erleben wir die Vorboten des Frühlings, während am anderen Ende der Welt die Weinlese zu Ende geht.

Erst vor kurzem hatte Kurt Feiler noch etwas Schnee zusammengekehrt, der über Nacht in Rust gefallen war. "Es passiert doch immer wieder mal, dass es bei uns am See noch im Februar schneit", erinnert sich der Burgenländer Winzer an die letzten Jahre. "Wir sind darüber nicht traurig. Die Winterfeuchte kann uns helfen, wenn ein Jahr wie 2003 dann extrem trocken ausfällt." Die Monate von 2003 auf 2004 waren eher trocken, mit wenig Einfluss von Frau Holle. Der Regen kam erst im Frühjahr, verzögerte den Austrieb. "Aber nach einem tollen Sommer kam es zu einer wunderbaren Traubenreife und zu Super-Weinen", strahlt Feiler. Jetzt im zeitigen März 2005, wo sich die zarten Vorboten des Frühlings zeigen und bereits das erste Grün der Natur sichtbar wird, begibt er sich in den Keller, um zu probieren, ob die Spät- und Auslesen vom Jahrgang 2004 eventuell schon füllreif sind.

Währenddessen spaziert Jan Jansen vom Weingut Thandi durch saftig-grüne Weingärten in Südafrika und wischt sich immer wieder mal den Schweiß von der Stirn. Er nimmt Kostproben von ein paar hochreifen Chardonnay-Beeren, die gerade geerntet wurden, beißt rein und nickt zufrieden. "Dies schmeckt nach einem guten Jahrgang, wir werden zufrieden sein", meint er zu seinem Begleiter Patrick Kraukamp, der bald darauf den Jahrgang 2005 vinifizieren wird. Die Lese hatte in diesem Jahr zeitig, bereits im Februar, begonnen. Ende März ist es normalerweise vorbei damit.

Etliche tausend Kilometer weiter nördlich hat der Ruster gerade den Gärverlauf der edelsüßen Weine des Jahrgangs 2004 überprüft. Jetzt nimmt er die Rebschere und spaziert mit Vater Hans und Mutter Inge in die Weingärten zum letzten Rebschnitt. Routiniert nehmen sie diese Arbeit vor, mit der bereits ein Grundstock für die Qualität des nächsten Jahrgangs gelegt wird. "Hier bestimmen wir wesentlich, wie hoch oder niedrig die Erträge später, im Herbst, sein werden", erläutert der erfahrene Hans Feiler (63), der schon rund vierzig Jahrgänge hinter sich hat, aber seit zehn Jahren vor allem die Außenwirtschaft mit 28 Hektar betreut. Junior Kurt (31), der nach der Schule Klosterneuburg unter anderem ein Praktikum auf Château Cheval Blanc im Bordelais machte, ist seit 1994 verantwortlich für den Keller.

Eine ähnliche Arbeitsteilung hat unser Duo, das gerade bei 32 Grad Hitze die Entwicklung in den Reben kontrolliert. Jan Jansen (34) ist zuständig für die Weingärten, während Patrick Kraukamp (35), der leitende Kellermeister des bemerkenswerten südafrikanischen Unternehmens Thandi ist. Ihre Visite gilt Weingärten im noch jungen Anbaugebiet Elgintal. Die östlich von Kapstadt gelegene Region zwischen Stellenbosch, Franshoek und Walker Bay hat normalerweise relativ kühle klimatische Bedingungen – für südafrikanische Verhältnisse. Am Kap ist der Winter in der Jahresmitte meist kühl. Es fällt genug Regen, damit der Boden seine Speichermöglichkeiten nutzen kann und die Pflanzen den heißen Sommer gut überstehen. Das Thermometer steigt schon mal auf 40 Grad und mehr, aber die Hitze wird meist durch den Südostwind und an den Süd- und Westküsten durch Brisen vom Atlantik gemildert. Es sind insgesamt sehr gute Bedingungen für Weinbau. Die starken Jahrgangsschwankungen, die in Europa immer wieder mal möglich sind, kennt man in Südafrika nicht.

Jansen inspiziert die Stöcke und registriert: "Weniger Menge, aber die Qualität wird hervorragend sein, wie schon in den letzten Jahren." In den achtziger Jahren hätte er eine solche Aussage nicht öffentlich machen können. Damals wäre er als schwarzer Südafrikaner wie sein Kollege Kraukamp allenfalls als Erntehelfer gebraucht worden, nicht aber als verantwortlicher Kommentator in Sachen Qualität. Doch die ersten Auflösungserscheinungen der Apartheid-Politik waren nicht mehr fern. Die strikte Rassentrennung und die Benachteiligung der farbigen Bevölkerung durch die weiße Minderheit hatten das Land weltweit isoliert.

Der damalige Staatspräsident Frederik Willem de Klerk zeigte sich schließlich 1991 einsichtig und verkündete das Ende der Apartheid. Richtig Vollzug gemeldet wurde dann 1994, als der große Widerstandskämpfer Nelson Mandela zum Staatspräsidenten vereidigt wurde. Im schon seinerzeit relativ fortschrittlichen südafrikanischen Weinbau machte sich bald frischer Wind bemerkbar. Starre Strukturen wurden abgeschafft, das Exportgeschäft zog an. Inzwischen gibt es das so genannte Black Economic Empowerment-Programm (BEE) mit der Zielsetzung, die Situation der schwarzen Bevölkerung deutlich zu verbessern. An der Spitze von SAWIT, dem südafrikanischen Wein-Trust, stehen schwarze Wirtschaftsexperten. Sie haben ein Beteiligungsmodell entwickelt, das es Farmarbeitern ermöglicht, Anteile an den von ihnen bewirtschafteten neuen Unternehmen zu erwerben.

Dieses Modell ist für Jansen und Kraukamp fast schon so etwas wie ein "alter Hut". Begonnen hat alles damit, dass der Neurochirurg und Obstbauer Paul Cluver 1992 im Elgintal unberührtes Land rodete und für den Weinbau nutzbar machte. 1996 gründete er sein Lieblingsprojekt "Thandi". Das Wort kommt aus der Xhosa-Sprache und bedeutet "Fürsorge, Liebe, Pflege". Cluver begann mit 14 Hektar, die er seinen Farmarbeitern zur selbstständigen Bewirtschaftung zusprach. Inzwischen sind daraus 120 Hektar geworden, die sich im gemeinschaftlichen Besitz von 130 Farmarbeitern befinden. Thandi ist seit 2003 durch die Fair Trade Labeling Organisation akkreditiert, als erster Weinerzeuger überhaupt. Die Weine können damit das "Fair Trade"-Label tragen und dokumentieren, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mitarbeiter menschlich sind und von sozialer Verantwortung getragen werden.

Patrick Kraukamp kann sich noch gut erinnern, wie er 1997 in Paul Cluvers Weingut begann, dann nochmals nach Übersee ging und schließlich seit 1998 die Thandi-Weine betreut. Während er saftige Sauvignon-Blanc-Beeren probiert und danach zufrieden feststellt, dass Merlot und Cabernet Sauvignon ebenfalls im sehr guten Reife- und Gesundheitszustand sind, resümiert er: "Wir können stolz auf unsere Entwicklung sein. Das Thandi-Beispiel hat Schule gemacht. Und Südafrika ist international wer."

In der Tat hat der Wein vom Kap eine erstaunliche Karriere hingelegt. Zwar gab es früher bereits gute Weine, aber nicht auf breiter Front. Und zunehmend wird die Bedeutung des Terroirs erkannt. Heute werden, bevor neu gepflanzt wird, die Böden auf Tauglichkeit für bestimmte Sorten untersucht. Gutsbesitzer und Kellermeister konnten internationale Erfahrungen sammeln, ausländisches Investment trägt ebenfalls zum Fortschritt bei. Längst schwärmen internationale Experten von Frucht, Dichte und Länge der Rotweine sowie der Würze, der Mineralik und dem Aromareichtum der weißen Sorten.

Die Sortenstruktur hat sich gewandelt. Früher wurden meist hohe Erträge angestrebt, heute werden die Mengen begrenzt; mit der weit verbreiteten Bewässerung wird sorgfältig umgegangen. Südafrika hat eine eigene Stilistik gefunden, die auf Eleganz und Frucht beruht, weniger auf Muskelkraft wie in der sonstigen neuen Welt. Bei den Weißweinen hat der lang unterschätzte Chenin Blanc eine erfreuliche Entwicklung gemacht. Die Weine sind feinwürzig und vertragen auch den Ausbau im neuen Holz. Der in Südfrankreich lebende deutsche Weinautor André Dominé lobt nach einigen Besuchen der Kap-Regionen vor allem den duftig-mineralischen Sauvignon Blanc: "Die Sorte hat in Südafrika ein außergewöhnliches Potenzial."

Mit der Zeit haben die Kellermeister außerdem ein geschicktes Händchen für Cuvées (Cape blends) von Sorten wie Cabernet Sauvignon, Shiraz, Pinot Noir und Merlot entwickelt. Die Sorten zeigen zudem eigenständiges Format und einen angenehmen, nicht ausladenden Sortentyp. Etwas Spezielles ist die südafrikanische Kreuzung Pinotage (Pinot Noir x Cinsaut), die oft sehr kraftvoll ausfällt, aber trotz aller Mächtigkeit mit manchmal 15 Grad Alkohol feine Nuancen aufweist und im Aroma durch eine etwas eigenwillige Bleistift- und Bitterschokolade-Note unverkennbar ist.

Den Einsatz der Technik, der in der ersten Hälfte der neunziger Jahre noch ziemlich intensiv war, haben die Önologen zu Gunsten eines schonenden Ausbaus zurückgefahren. Weinautor Hugh Johnson spricht von einem "spürbaren Sprung in der Qualitätsentwicklung in den letzten zwei, drei Jahren" und reiht Südafrika unter die Spitzenerzeuger der Neuen Welt ein. Erfahrung ist beim Weinbau dennoch wichtig. Neben einer Reihe von Newcomern, die förmlich wie Pilze in einem feuchten Sommer aus dem Boden schießen, gehören einige alteingesessene Betriebe zur südafrikanischen Elite, etwa Kap-Pionier Stellenzicht in Stellenbosch (Ursprungsjahr 1692). Stellenzichts Winemaker Guy Webber kennt seine Weinberge in- und auswendig und er versteht es, das Terroir, das Klima und die Trauben in erstklassigen Weinen zur Geltung zu bringen. "Es ist die Balance, die die Qualität eines Weines bestimmt", beschreibt Webber seinen Grundsatz.

Tradition hat auch Rust en Vrede, ein Gut in Stellenbosch, das im 18. Jahrhundert gegründet wurde und seine Stärke bei den roten Sorten hat. Neben der Produktion einzigartiger Weine vertreten die Besitzer Jannie und Ellen Engelbrecht eine ausgesprochen genussvolle Philosophie: "Wir verkaufen nicht nur Wein, wir bieten Lifestyle, Freude und Erfolg."

Charles Back ist einer der besonders Innovativen am Kap. Er ist Eigentümer der Weingüter Fairview (gegründet 1937) und Spice Route. Back treibt die Experimentierlust. Er arbeitet auch mit den Rhône-Sorten Shiraz, Mourvèdre und Viognier sowie Grenache und Malbec.

Blaufränkisch fehlt bislang in seiner Sammlung. Vielleicht kann Kurt Feiler eines Tages dem Beispiel einiger Europäer folgen und in Südafrika ein Joint-Venture oder gar ein eigenes Weingut starten und dann Blaufränker, Zweigelt, Welschriesling oder Grünen Veltliner als Pflanzgut exportieren? Und irgendwann würde sich dann der Kreis schließen und es müsste zu einem Treff mit der für Europa zuständigen Marketing-Managerin von Thandi kommen. Denn diese junge Dame namens Liesl ist eine geborene Rust. Den Ort hat sie bereits auf ihrer Besuchsliste für die nächste Zeit. Sinnvoll wäre es, wenn sie im Sommer kommt. Dann ist es am Neusiedlersee manchmal fast so hitzig wie in Südafrika im März…
Ihr Rudolf Knoll
Rudolf Knoll ist einer der besten Kenner der Weinszene. Er arbeitet für das internationale Magazin VINUM, darüber hinaus für eine Reihe von Fachzeitschriften und Wochenzeitungen. Er wurde in Deutschland und Österreich bereits mehrfach mit Preisen für Weinpublizistik ausgezeichnet.