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Cognac - Wellness-Oase der Engel
Eine Reise nach Cognac ist nichts für eilige Touristen. Am besten, man bewegt sich wie die Schnecke - nur dann kommt man auch ans Ziel. Von Vene Maier
Wer nach Cognac fährt, wird um einen Rausch nicht herumkommen. Denn nirgends, so die Erfahrung aller, die schon dort waren, ist die Luft betörender als in der Welt-Hauptstadt des Weinbrands. Immerhin verdunsten über der Capitale im Herzen der Grande Champagne jährlich Millionen Liter Cognac. Auch wenn einem dabei etwas die Luft wegbleibt: So lange, dass kein kleiner Rausch entsteht, kann man ohne Atem zu schöpfen gar nicht überleben.
Aber das passt schon so. Weil so eine zarte Illumination zur kleinen Stadt Cognac ebenso passt wie zur ganzen Landschaft drumherum. Es ist quasi eine elementare Inspiration, sanft und weit, mild und betörend, gemixt von den Engeln, die - wiewohl unsichtbar, was aber zur Natur der Engel gehört - irgendwie über der Champagne schweben, als wäre dies hier ihre ganz private Entspannungsoase. Schnell und überhastet geht es hier natürlich nicht zu. Ganz im Gegenteil.
Man hat alle Zeit der Welt, und auch die Schnecken kommen gut voran. "Cagouillard", langsam, nennt man die Leute aus Cognac. So langsam wie die Schnecken, die sie essen, und so langsam wie der Fluss Charente, an dem sie leben. Dieser zieht sich in weichen Kurven durch das Hügelland.
Cognac en detail
Entlang der anmutigen Ufer der Charente produzieren 15.000 Winzerbetriebe den Weißwein kontrollierter Herkunft (AOC) für die Cognac-Herstellung. Sie bauen acht Rebsorten an, vor allem die spätreifende und eher geschmacksneutrale Ugni Blanc sowie Folle Blanche und Colombard. Alles ist dabei bis ins Kleinste gesetzlich festgeschrieben. Immerhin wird hier nicht einfach irgendein Weinbrand hergestellt, sondern die geschützte Appellation Cognac - ähnlich wie beim Champagner.
Der Wein für den Cognac stammt aus sechs Lagen, von denen die wichtigste die Grande Champagne mit ihren 13.000 Hektar an kalk- und kreidehaltigem Boden ist. Daneben gibt es vor allem noch die Petite Champagne, die allerdings um einiges größer ist als die Grande Champagne, sowie die kleinste (und für viele Kenner besonders gute) Lage Borderies.
Der Anteil der Engel
Das mächtige Schloss von Cognac an der Charente, in dem König Francois I. im Herbst 1494 das Licht der Welt erblickte, zieht nicht nur die geschichtsbewussten Besucher an. Das Kellergewölbe ist wie überall in den Lagerhäusern auch hier das Reich eines Schimmelpilzes. Dieser Pilz, "Torula compniacensis richon", auch "Torula Cognacensis" genannt, ist ein schlauer Pilz, der von Cognac-Dämpfen lebt - sozusagen ein Gourmet der Pflanzenwelt.
Überdies ist er ein Alkoholiker. Er ernährt sich von dem aromatischen Dunst aus den Fässern und sorgt durch seine Existenz dafür, dass die Gebäude innen wie außen tiefschwarz sind - wo der Cognac lagert, das kann hier jeder Spaziergänger sofort erkennen.
Je mehr Fässer in den Kellern lagern, desto schwärzer sind die Mauern. So gesehen entgeht auch dem Finanzamt kein heimliches Lager. Und zu den irdischen Abgaben kommt noch der "Anteil der Engel". Jahr für Jahr verflüchtigt sich der Inhalt von 20 Millionen Flaschen in den Himmel über Cognac, der die Stadt in einen süßen Duft hüllt.
Die Supernasen
Tief unten im "Paradies" der Cognac-Keller vollzieht auch Monsieur Fillioux von der Cognac-Dynastie Hennessy höchst geheime Vermählungen aller Art. Er schnuppert und schmeckt, mischt und testet, schwenkt und haucht, bis er den besten "Hochzeits-Termin", zu dem ein neuer Cognac geboren wird, gefunden hat. Yann Fillioux ist Kellermeister und Managing Director von Hennessy, Chef-Vorkoster, Hohepriester des Tropfenmischens. Sein Vater war es, sein Sohn wird es auch sein. Die Supernase ist ein Erbstück. Cognac, dieses Städtchen der Engel im Südwesten Frankreichs, rund 100 Kilometer nördlich von Bordeaux, lebt von Leuten wie ihm. Hinzu kommen die guten Böden, die Meeresnähe und das Klima, die die Region zu einem weltweit einmaligen Weinanbaugebiet machen - nur hier wird der echte Cognac gemacht.
Auch der Kellermeister des Hauses Meukow wird zwischen den Fässern trotz der Kälte und hohen Luftfeuchtigkeit geradezu philosophisch, wie Hanns-Jochen Kaffsack in einem Bericht für die Stuttgarter Zeitung anmerkt: "Wir betreiben ein Geschäft des Optimismus, richten den Blick in die ferne Zukunft. Beim Cognac braucht man noch mehr Geduld als beim Wein." Erst das langsame Reifen in den Fässern bringt die Klasse.
Zum Geheimnis des eleganten Getränks aus dem Städtchen gleichen Namens gehört neben der überaus langen Lagerung auch die umsichtige Pflege des Cognacs. Der Kellermeister pocht dabei noch auf ein Gütezeichen: "Cognac sollte nach Cognac riechen, so wie Wein nach Wein, also nicht zu sehr nach Holz oder nach dem Rauch aus dem Prozess der Fassherstellung."
Das "braune Gold" von Cognac
Der Weinbrand hat die Region reich gemacht. In Cognac dominieren heute noch die großen alten Handelshäuser, prächtige Bauten, Ausdruck ökonomischer Macht. Prachtvoll strahlt das Tor St. Jacques aus dem 15. Jahrhundert, durch die Straßen fließt der Verkehr ruhig. Immer wieder geben die Häuser einen Blick auf den Fluss frei - eine französische Idylle, wie man sie sich erträumt. Direkt am Ufer haben die berühmten Marken der Cognac-Welt ihr Zuhause.
Firmen wie Hennessy, Martell und Otard verarbeiten hier die Erzeugnisse der insgesamt rund 60.000 Hektar großen Weinanbauflächen rund um die Stadt zum "Trank der Götter". Otard residiert im gewaltigen "Château de Cognac". Direkt in der Nachbarschaft hat Hennessy seinen Hauptsitz, die Marke, die zum internationalen Synonym für den Weinbrand aus dem Südwesten Frankreich geworden ist. Fast 40 Prozent aller Cognacs, die weltweit verkauft werden, tragen diesen Namen.
Dem Himmel so nah
Die Cognacgeser - oder wie man die Bewohner auch immer nennt - glauben fest daran, dass dieser Duft dafür sorgt, dass über Cognac besonders viele himmlische Heerscharen unterwegs sind. Nur wenige irdische Gäste kommen in die Stadt, um Urlaub zu machen. Die meisten sind auf der Durchreise von Paris nach La Rochelle oder Bordeaux, um den "Likör der Götter" zu probieren - so, wie man Sherry am besten in Andalusien oder Rum am besten in der Karibik trinkt.
Cognac hat ganz einfach mit Lebenslust und Genießen zu tun. In Zeiten einer Philosophie der Langsamkeit, die im Gegensatz zum Zeitgeist der Schnelllebigkeit und des Schnäppchen-Denkens steht, scheint ganz gut zu passen, was Jahre bis Jahrzehnte des Ausbaus braucht, um etwas ganz Besonderes zu werden. Dazu hat der Cognac auch eine glanzvolle Geschichte aufzuweisen. Im 17. Jahrhundert begann der steile Aufstieg des Städtchens Cognac (mit damals etwa 5000 Seelen) zu einem weltbekannten französischen Ortsnamen. Mehr als 300 Jahre später ist die Stadt auf gut 20.000 Cognaçais - wie die Franzosen sagen - angewachsen. 40.000 Menschen der Region - vom Fassmacher bis zum Flaschen- und Korken-Hersteller - "ernährt" der Cognac heute.
Über die Jahre machen die Cognac-Produzenten so aus neun Litern Wein einen Liter Cognac, und das hat dann seinen Preis. Immerhin lagert der feinste Cognac mindestens zwei Jahrzehnte, um seine ganze Reife und Fülle entfalten zu können. Daher nimmt es nicht wunder, dass hier auch viel von der Symbolkraft der Schnecke die Rede ist. "Cognac braucht eben seine Zeit, erst das Alter nimmt dem Destillat die Schärfe", sagt auch Maurice Hennessy. "Der Alkohol verfliegt, das Destillat wird weich und rund, aber der Geschmack bleibt." Mit anderen Worten: Was gut werden will, braucht halt so seine Zeit. Und auch die Schnecke kommt irgendwann ans Ziel.
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