Journal Stories
- Top Stories
- Archiv
- Weine - neue Welt
- Weine - alte Welt
- Wein & Speisen
- Weinwissen
- Ab-Hof
- Whisk(e)y
- Whiskey-Trail
- Whiskey-Finishing
- The Glenlivet
- Whiskey History
- Irish Whiskey
- Single oder Blend
- Whiskey-Raritäten
- Whisky-Metamorphose
- Erde, Luft, Feuer, Wasser
- Bourbon
- Bruichladdich
- Highlands
- Schon mal probiert, in Whisky zu baden?
- Die Nacht geht, der Whisky kommt...
- Single Malts
- Whisk(e)y weckt Lebensgeister
- Spirituosen
- Sekt & Champagner
- Wein-Tipps von Lynne Sherriff
Die Nacht geht - der Whisky kommt...
Vom Leben auf den schottischen Inseln.
Als Samuel Johnson* mit seinem Freund und Biographen James Boswell** die Hebriden bereiste, musste er Betrübliches feststellen (denn er persönlich war Abstinenzler): "Ein Mann von den Hebriden trinkt schon am Morgen ein Glas Whisky; sie sind jedoch kein trunksüchtiger Volksstamm, jedenfalls habe ich nicht viel Unmäßigkeit erlebt; dennoch ist kein Mann so maßvoll bescheiden, auf seinen Morgenwhisky zu verzichten."
Schließlich muss der Hebridenbewohner gestärkt in den Tag gehen, denn dass das Leben auf den Inseln vor der schottischen Westküste kein Honiglecken ist, weiß man ja. Auch wenn man selbst noch gar nicht dort war. Jedenfalls denk ich es mir so, schließlich ist meine Phantasie gefüllt mit Bildern von Atlantikwellen, versetzt mit Sturm und Regen, die über rauhe Landschaften und karge Böden niedergehen.
Für viele Menschen, Schotten, Engländer, Bewohner des Kontinents und Reisende von jenseits des Atlantik, für Biertrinker und Whiskyliebhaber aus aller Welt eben, "sind die windgepeitschten Inseln vor der West- und Nordküste Schottlands der Inbegriff der wilden Schönheit dieses Landes". Sagt der Fachmann. In diesem Fall Charles MacLean, Autor des Buches "Malt Whisky", erschienen in der Collection Rolf Heyne. Nicht nur MacLean, auch andere namhafte Autoren und Schriftsteller schwärmen angesichts der intensiven Eindrücke, die die Inseln von Arran bis zu den dunklen Orkney- Islands im Norden hinterlassen.
Nur wenige der rund 500 Inseln der Hebriden sind bewohnt. Bloß eine Handvoll davon bietet all jene Zutaten, die für die Herstellung von Whisky notwendig sind: Gerste und vor allem Wasser von unübertrefflicher und unvergleichlicher Qualität – auch wenn dieses für Fremde durchaus gewöhnungsbedürftig ist. So ist zum Beispiel das Wasser auf Islay bisweilen sandig gefärbt. Zwar verleiht es dadurch dem Whisky einen einzigartigen Charakter, hat jedoch beim Duschen zumindest anfangs eher eine abschreckende Wirkung! Aber wo Whisky schon zum Frühstück getrunken wird, fürchtet man sich nicht vor neuen Dingen, selbst wenn sie etwas "strange" (fremd) wirken.
Salzige, von Seetang und Torfaromen geschwängerte Luft beherrscht jene sieben Inseln, auf denen nach alten, gewachsenen Methoden Whisky gebrannt wird. Von den insgesamt nur 14 Destillerien der Inseln liegen allein acht auf Islay, je eine auf Arran, Jura, Mull und Skye, und zwei auf Orkney. Und alle – so lässt sich bei einer Querverkostung feststellen – haben ihre eigenen, manchmal geradezu individuellen Noten mit spezifischem Tiefgang (siehe die "Kleine Typologie der Insel-Whiskys").
Als Johnson und Boswell vor über 200 Jahren die Hebriden bereisten, war die Lage auf den Inseln – z.B. auf Jura – nicht viel anders als heute. Auf der wilden, ungezähmten Insel lebten und leben nur rund 200 Menschen. Angesiedelt entlang der milden, von den Atlantikstürmen verschonten Ostküste – ansonsten ist die Insel völlig unbewohnt und bietet ein ideales Umfeld für rund 5000 Rothirsche, 15 brütende Steinadlerpaare sowie für Whiskyfans. Eine einzige, mit Gras bewachsene Straße verbindet die winzigen Weiler. Abseits dieser Straße, am Fuße der mystischen "Paps of Jura" oder am entlegenen schneeweißen Sandstrand von Glenbatrick vergisst man leicht, dass der Rest der Welt existiert. Vielleicht entschied sich George Orwell gerade deswegen dafür, im Norden Juras zu wohnen, während er sein Meisterwerk "1984" schrieb.
Vergleichsweise lieblich ist dagegen das nur einen Steinwurf von Jura entfernte Islay (sprich: Eila). Dramatische Steilküsten mit wild romantischen Sandbuchten säumen die einsame Westküste, kleine Quarzitberge, fruchtbare, grüne Weiden und Torfmoore ergänzen das Landschaftsbild. Dem Torf hat Islay auch ihr wichtigstes Produkt zu verdanken – den einzigartigen Eila-Whisky! Acht Destillerien stehen hier, und sie gehören zu den besten der Welt – z.B. Bunnahabhain, Caol Ila, Bowmore, Ardbeg, Lagavulin und Laphroaig.
Es muss wohl hier gewesen sein (so genau ist das nicht zu bestimmen), wo Dr. Johnson sich Notizen über denkwürdige Beobachtungen machte. Er beschrieb, wie den Gästen schon morgens, kurz nach dem Aufwachen, vier aufeinanderfolgende Whiskys angeboten wurden: "Ein volles Glas noch im Liegen, gefolgt von einem Whisky bei aufgestütztem Ellenbogen, dann ein Schluck ’barfuß‘, und noch einer, während man auf das Frühstück wartete."
Dr. Johnson selbst war, wie sein Biograph Boswell bezeugte, immer nüchtern und trank nur einmal einen Whisky, aus wissenschaftlichen Gründen, versteht sich. Er konstatierte, dass Whisky trinkbar sei, zeigte aber keinerlei Interesse an seiner Herstellung: "Was interessiert mich die Kunst, Gift trinkbar und angenehm zu machen?" Für die Auswirkungen des angenehmen Giftes aber hatte er schon was übrig. Als James Boswell eines Tages nach einem Punschgelage unpässlich war, sorgte Dr. Johnson für Nachschub: "Nur zu, füllt Boswell wieder ab. Am besten morgen früh, damit wir am Tag was zu lachen haben."
Ja, ja, so beginnen eben die Tage auf den Inseln. Die Nacht geht, der Whisky kommt, und der Brite hat was zu lachen. Über die Abende aber steht dann nichts mehr in den Notizen ...
*) Samuel Johnson war ein umtriebiger Mann, und obwohl er die Universität aus finanziellen Gründen ohne Abschluss verlassen musste, wurde er schon von seinen Zeitgenossen und erst recht nach seinem Tod nur Dr. Johnson genannt. Immerhin hinterließ er ein äußert umfangreiches Werk als Schriftsteller, Kritiker und Essayist, und er war der Verfasser des ersten Lexikons der englischen Sprache. 1755 erschien das "Dictionary of the English Language". Dieses außergewöhnliche Werk enthält etwa 40000 Eintragungen, die von klaren, eigenwilligen, noch heute zitierten Definitionen und einer beachtlich großen Palette anschaulicher Beispiele erläutert werden.
**) Boswell, James (1740-1795), Schottischer Schriftsteller, Biograph von Samuel Johnson ("The Life of Samuel Johnson", 1791; "Denkwürdigkeiten aus Johnsons Leben")
Kleine Typologie der Insel-Whiskys
Orkney Islands
Die fruchtbaren Wiesen der "dunklen Inseln" sind übersät mit wilden Blumen, und wenn das Heidekraut zu blühen beginnt, scheinen das Moor und die niedrigen Hügel purpur zu leuchten. Orkney-Whiskys duften nach Seeluft, die in die hölzernen Fässer eindringt, während sie zur Reifung nahe der Küste lagern. Der Inseltorf besteht überwiegend aus Heidekraut, und das verleiht dem Whisky einen honigartigen Geschmack. Die Whiskys von Highland Park und von Scapa ähneln sich insofern, als sie einen ausgeprägt salzigen Charakter haben, der von süßen Noten mit Malz-, Schoko- und Honigtönen abgefedert ist und mit einer trockenen Rauchigkeit schön ausbalanciert wird.
Arran
Die Destillerie von Arran ist erst seit acht Jahren in Betrieb. Der junge Whisky zeigt fruchtig-florale Noten mit einem Hauch Torf. Im Geschmack überraschend wohlschmeckend, cremig-würzig, süß, harmonisch ausbalanciert, mit trockenem Finish.
Skye
Die größte Insel der Hebriden verfügt nur über eine Destillerie, Talisker. Die Whiskys von Talisker wirken auf kundige Gaumen "wie die Lava der Cuillins", der eindruckvollen Berge von Skye – mit einem zumeist vollen Körper, einer cremigen Struktur mit rauchig-würzigem Geschmack und einem präsenten Ausklang nach schwarzem Pfeffer.
Mull
Salzig und mit einer frischen Nase nach Leder und Torfrauch präsentiert sich auch der Ledaig 1990, der in der Tobermory-Destillerie auf Mull produziert wird. Am Gaumen zeigen sich schöne Kuchenaromen, überraschend süß und angenehm, mit anhaltender Rauchigkeit und einem fruchtig-trockenen Finish. Ziemlich ähnlich, wenn auch von einer malzigen Süße mit Anklängen an geröstete Erdnüsse dominiert, ist der Tobermory 10 Years – ein wunderbarer Einstieg in die Bilderbuchwelt von Mull.
Jura
Der 21-jährige Whisky von der Isle of Jura-Destillerie schmeckt überraschend leicht, mit feinen Vanille- und Walnussnoten, trocken, aber nicht bitter, mit leicht salzigen Akzenten im Abgang. Obwohl die Destillerie ausschließlich das vom Torf tiefdunkel gefärbte Wasser aus der Quelle von Bhaille Mharghaidh bezieht, sind die Jura-Whiskys in keiner Weise mit den Islay-Whiskys zu vergleichen.
Islay
Manchmal glaubt man sich in einer Selchkammer des Gailtales, manchmal im Dentallabor einer Zahnklinik, manchmal im Zigarrengeschäft auf der Bahnhofstraße von Zürich. Aber fast immer weiß man/frau, wo die Nase drinsteckt: in einem Glas würzigen Islay-Whisky. Einzigartige, dennoch komplexe Destillate reifen da auf der Hauptinsel aller Whiskyfans. Salzig, mit Einflüssen von Seetang und Terpentin, nasses Tauwerk kann man riechen und schmecken, ebenso Jod und Torfrauch, süßliche Minze kann dazu kommen, neben geräucherten Austern und gut abgelegenem Wildbret.
Alles da in den Whiskys der Inseln – wenn man denn der Fantasie etwas Raum gibt. Und die Fantasie entfaltet sich, wenn der Tag geht und der Whisky kommt. Dann schmeckt der eine oder andere sogar Waffenöl und Pistolenrauch im Whisky – nur die Waffe, mit der das Wild erlegt wurde, konnte noch niemand bestimmen.
Vene Maier, der Autor unserer Whisk(e)y-Serie, ist seit über zehn Jahren Reisender in Sachen Genuss & Kultur. Seine Bücher über Schnaps und andere Genussmittel sind im Falter-Verlag erschienen.











